Der Junge im gestreiften Pyjama
von John Boyne

Warum leben die Bauern auf der anderen Seite des Zauns?

Eine weitere Geschichte aus dem nationalsozialistischen Deutschland – und aus Polen. Sehr treffend aus der Sicht eines 9-Jährigen beschrieben.

Bruno muss mit seiner Familie aus Berlin wegziehen, da sein Vater einen neuen Arbeitsplatz bezieht. Er weiß nicht wohin und das neue Haus gefällt ihm gar nicht. Wenn er sich in seinem Zimmer auf seine Zehenspitzen stellt kann es aus dem Fenster einen Bauernhof sehen, der komplett umzäunt ist, mit Menschen die alle gleich angezogen sind. Bruno wird es schnell langweilig in dem neuen Haus ohne seine Freunde. Denn Bruno ist ein Forscher und als solcher muss er forschen. Auf einer seiner Entdeckungstouren trifft er auf der anderen Seite des Zauns einen Jungen – Schmuel – einen Jungen im gestreiften Pyjama.

Bruno wiederholt mehrfach bestimmte Formulierungen, die wahrscheinlich seinen Gedanken entsprechen sollen. Hier erhalten besonders kleine Details viel Raum, was auch typisch für kindliche Denkstrukturen ist.

Interessant fand ich auch dass das Leben in einem nationalsozialistischen Regime, konkreter in einer Familie eines SS-Kommandants eben auf Grund der kindlichen Sicht als solches nicht benannt wird. Der erste Hinweis findet sich auf Seite 53, wo Brunos Familie mit einem „Dienstwagen mit rotschwarzen Flaggen“ abgeholt wird. Auf Seite 57 wird dann ein Hinweis für die zeitliche Einordnung gegeben: „Seit Anfang Zweiundvierzig hat es uns an Effizienz gemangelt“. Für Bruno zieht die Familie nach „Aus-Wisch“ und der Mensch, vor dem sein Vater solchen Respekt hat ist der „Furor“. Bruno wird von seinen Eltern oder seiner Schwester mehrfach korrigiert, er versteht es aber nicht richtig.

Bevor sie gingen, stellten sie sich in einer Reihe auf wie Spielzeugsoldaten, dann schossen ihre Arme und ausgestreckten Hände genauso nach vorn, wie Vater es Bruno beigebracht hatte, schnellten dann mit einer zackigen Bewegung von der Brust nach oben in die Luft, und dabei riefen sie die beiden Worte, die Bruno immer sagen sollte, wenn jemand sie zu ihm sagte.

Im Verlauf der Erzählung scheint Bruno auch immer mehr aus seinem alten Leben in Deutschland zu vergessen – die Namen seiner Freunde und ihre Gesichter verblassen immer mehr. Wahrscheinlich versucht Boyne damit die kindliche Schnelllebigkeit und ihre Verwurzelung im Jetzt zu verdeutlichen.

Die Geschichte wurde 2008 verfilmt. Durch die Möglichkeit der Bilder wird hier das nationalsozialistische Szenario sehr früh klar, was der Geschichte die kindliche Sicht nimmt. Es gibt Ereignisse die nicht im Buch stattfinden. Auch das Ende unterscheidet sich von der literarischen Vorlage, da es dem Vater Brunos eine weichere und emotionalere Facette verleiht.

Fazit: Eine sehr ergreifende Geschichte mit flauem Ende. Sehr interessant fand ich das Stilmittel der Sicht des kleinen Jungen. Für mich unbedingt lesenswert! Das Buch ist gewichtiger und ergreifender als der Film und ist durch diesen nicht zu ersetzen. Natürlich kann man hier kritisieren, dass die Geschichte die Unwissenheit (und Unschuld?) der deutschen Bevölkerung darstellen soll. Dies würde ich so aber nicht verstehen. Vielmehr zeigt es für mich, dass Unwissenheit nicht mit Hinterfragen gleichzusetzen ist und dass eben gerade diese Unwissenheit dazu führt der Menge nachzufolgen.


288 Seiten, erschienen bei Fischer Verlag unter ISBN-13 978-3596806836 8,99€

Originaltitel: The Boy In The Striped Pyjamas Übersetzung: Brigitte Jakobeit