Milchfrau in Ottakring – Tagebuch aus den dreißiger Jahren
von Alja Rachmanova

Dieses in Tagebuchform geschriebene Werk behandelt einen Teil der Lebensgeschichte der Alja Rachmanova (im Buch Frau Wagner), nämlich ihre Zeit als russische Exilantin und Inhaberin eines Lebensmittelgeschäftes in dem Wiener Randbezirk Ottakring der Zwanziger Jahre.
Mit einem Vorwort von Dietmar Grieser, welches zu lesen ich empfehlen möchte, da es eine sehr gute Einführung bietet und Hintergrundinformationen enthält die das Buch in einen kompakteren Zusammenhang setzten.

Alja Rachmanova, im Ural in Russland geboren und aufgewachsen heitatet aus Liebe einen ehemaligen österreichischen Kriegsgefangenen. In den Wirren der russischen Revolution werden beide ohne Angabe von Gründen aus Russland ausgewiesen. Mit ihrem kleinen Sohn Jurka flieht die Familie nach Wien, der ehemaligen Heimat ihres Mannes Ottmar. In den wirtschaftlich schweren Zeiten der Zwischenkriegsjahre finden beide Akademiker keine Stelle und stehen vor dem Nichts. Von einem Bekannten leihen sie sich schließlich Geld und können so ein kleines Milchgeschäft kaufen. Während Ottmar sein Studium wiederholen muss, da der russische Abschluss in Österrreich nicht anerkannt wird, übernimmt seine Frau das Geschäft.

Die Tagebucheinträge erstrecken sich über einen Zeitraum von ca. anderthalb Jahren (Dezember 1925 bis September 1927). Obwohl der Titel die dreißiger Jahre angibt, spielt sich das Geschehen etwas früher ab. Alja Rachmanova beschreibt ihr Leben und ihre Arbeit als „Milchfrau“ in einem Wiener Randbezirk, in dem Arbeitslosiskeit, Krankheit, Prostitution und Armut an der Tagesordnung stehen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wie Sprachbarrieren oder Ablehnung ihr gegenüber als Ausländerin schafft es Alja Rachmanova dennoch sich einen kleinen aber treuen Kundenstamm aufzubauen.

Mit viel Einfühlungsvermögen und psychologischen Blick beschreibt sie ihre Kunden und deren Eigenheiten in teilwise amüsanten Anekdoten und schafft es so ein Porträt der Wiener Randgesellschaft der zwanziger Jahre entstehen zu lassen. Ein zeitgeschichtliches Dokument.
Auch das Hadern mit ihrem eigenen Leben, vor allem die Sehnsucht nach Russland sowie permanente Existenzängste kommen immer wieder zur Sprache.

Die Autorin Alexandra Galin Djuragina, die unter dem Pseudonym Alja Rachmanova schrieb, veröffentlichte dieses Buch erstmals 1931 als Schlußband ihrer Tagebücher nach „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“ und „Ehen im roten Sturm“. „Milchfrau in Ottakring“ ist der bekannteste und erfolgreichste Teil der Reihe. Nachdem es sowohl bei den Nationalsozialisten als auch in der Sowjetunion auf dem Index stand ist dieses Buch heute zum Glück wieder allen zugänglich.

Fazit: In einem sehr leichten, flüssigem, teilweise naivem Stil, teilweise durchsetzt mit blumigen Formulierungen, die die russische Seele zum Vorschein bringen, lässt sich das Buch sehr schön lesen. Das persönlichliche Schicksal der Autorin regt zum Nachdenken an, auch ohne dramatische oder ausschweifende Formulierungen. Alles in Allem eine berührende Geschichte in einem gut zu lesenden Stil – ein Buch das ich jedem empfehlen kann.


298 Seiten, erschienen als Hardcover bei Amalthea Verlag unter ISBN-13 978-3-85002-923-0 9,99 €