Ein ganzes halbes Jahr
von Jojo Moyes

Du bist Kellnerin, dann Pflegekraft, du verliebst dich in deinen Betreuten und dann erfährst du, dass er entschieden hat zu sterben.

Das beschreibt inhaltlich tatsächlich schon das grobe Konzept der Geschichte. Die Protagonistin ist Louisa, die ihren Job in einem Café verliert und so mehr zufällig ins Haus von Will kommt. Seine Mutter stellt sie ein um ihn zu pflegen. Und durch ihre unkonventionelle Art schafft sie eine ganz neue Atmosphäre im Haus. Will ist seit einem Verkehrsunfall vom Hals ab gelähmt und hadert sehr mit seiner Situation. Er war sportlich, erfolgreich, gutaussehend, mit einer wunderschönen Frau liiert – ihm ist alles geglückt. Dann wird er von einem Motorrad angefahren und verliert in seinen Augen alles was er war. Will hat Schmerzen, täglich. Er hat entschieden in der Schweiz bei Dignitas seinem Leben ein Ende zu setzen – und er gesteht seinen Eltern ein halbes Jahr Schonzeit zu. Ein ganzes halbes Jahr.

Moyes eröffnet dem Leser neben der eigentlichen Geschichte viele Nebenschauplätze aus Louisas Leben, wie ihre Beziehung oder ihre Familie. Dies macht sie als Protagonistin greifbarer und glaubhafter.

Besonders gut hat mir gefallen, wie es Moyes gelingt eine sehr liebenswürdige und positive Stimmung zu gestalten, die es dem Leser ermöglicht in Louisas und Wills Beziehung einzutauchen. Durch diese Stimmung wird die Wendung, das Zerbrechen, die Trauer und die Verlustangst deutlich spürbar und ziehen den Leser in einen Strudel verschiedenster Gefühle. Sehr bewegend und ergreifend!

Mir ist hier nochmal wichtig aufzugreifen, dass es Proteste von Menschen mit Beeinträchtigung gegen diese Geschichte gab, die vor allem groß wurden als es verfilmt wurde. In verschiedenen Kritiken geht es darum, dass das Leben als Beeinträchtigter als „unwert“ dargestellt würde. Will begründet seine Entscheidung mit dem Satz dass er „so nicht leben wolle“. Dies wird häufig so aufgefasst als sei damit gemeint „als Behinderter“. Dass dies Frustration bei Menschen mit Beeinträchtigungen auslösen kann, kann ich nachvollziehen. Ich selbst verstehe es aber als „mit dem Vergleich wie es vorher war, mit dem Verlustgefühl“.
Dennoch ist auch hier klar, dass es nicht nur die Wirkung auf wirklich Betroffene gibt, sondern auch die Wirkung auf nicht-behinderte Leser. Diese „Außenwirkung“ sehe ich auch als kritisch an. Wie wirkt es auf Menschen? Vermittelt es das Bild, dass Menschen mit Beeinträchtigung unglücklich und lebensüberdrüssig sind? Es entsteht da schnell eine Heroisierung von Menschen mit Beeinträchtigung. Dem stehe ich sehr kritisch gegenüber. Diese Haltung macht Menschen mit Beeinträchtigung zu etwas besonderem, wenn sie mal das Haus verlassen oder ihr Leben „normal“ leben. Dies steht dem Inklusionsgedanken diametral gegenüber.

Fazit: Eine Geschichte, die mich wirklich bewegte und die ich als gut geschrieben bewerten möchte. Wie allerdings Behinderung dargestellt ist, ließ auch mich häufig die Stirn runzeln. Manche Darstellungen sind einfach schlecht recherchiert, scheinen nur auf Hörensagen zu beruhen. Das an sich finde ich recht schwierig. Grundsätzlich möchte ich aber eine Leseempfehlung aussprechen.


544 Seiten, erschienen bei rororo unter ISBN-13 978-3499266720   9,9€

Originaltitel: Me before you Übersetzung: Karolina Fell